Aerolectics - Belinda Kazeem-Kamiński
Alle Ausstellungen16.3 – 9.6.2025
Mit Werken von
Belinda Kazeem-Kamiński
Kuratiert von
Lucrezia Cippitelli, Simone Frangi
In ihrer ersten Einzelausstellung in Italien widmet sich Belinda Kazeem-Kamiński der besonderen Rolle des Missionswesens in Südtirol bei der Entstehung kolonialer Beziehungen zwischen Europa und Afrika. Gleichzeitig beleuchtet sie die Geschichten der erzwungenen afrikanischen Diaspora, wobei sie sich vor allem auf den deutschsprachigen Raum konzentriert. Im 19. Jahrhundert reisten europäische Missionare zum Zweck der Evangelisierung auf den afrikanischen Kontinent. Unter dem Vorwand, ihr Seelenheil retten zu wollen, kauften manche dieser Missionare afrikanische Mädchen und Jungen und verschleppten sie nach Europa.
Inspiriert wurde die künstlerische Recherche zu Aerolectics durch die Lebensgeschichte des Mädchens Asue*, auf die die Künstlerin im Rahmen ihrer Recherchen stieß. Asue* wurde am 11. Januar 1855 zusammen mit zwei anderen afrikanischen Mädchen, Gambra* und Schiama*, von Pater Niccolò Olivieri unfreiwillig in das Ursulinenkloster Bruneck gebracht. Während sich die anderen Mädchen dem Klosterleben scheinbar anpassten, empfanden die Klosterschwestern Asue*‘s Verhalten als impulsiv und ungehörig. In den Klosterakten wird sie mit einem Sturm verglichen, der auch durch physische Gewalt nicht zu bändigen ist. Einen Sturm entfesselt die Künstlerin auch in den Räumen von Kunst Meran, indem sie Bezüge zur Yoruba-Kosmologie, den Elementen - Erde, Wasser, Feuer und Luft - und den Geschichten der Mädchen herstellt. Diese symbolhafte Kraft ermöglicht es, sich den ehemals verborgenen Geschichten der afrikanischen Kinder zuwenden. Das Aufzeigen der Verbindungen zwischen Missionierung und Kolonialismus regt die Betrachter*innen zum Nachdenken darüber an, welche Erzählungen aus dem kollektiven Gedächtnis gleichsam gelöscht wurden.
Mit Aerolectics greift Kazeem-Kamiński auch auf das erste Kapitel der Ausstellungsreihe The Invention of Europe und die Metapher der Insubrischen Linie, der Nahtstelle zwischen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte, zurück und evoziert geologische und meteorologische Bilder. Die Symbole des Sturms und der Tektonik stehen für die fortwährende Reibung zwischen Ideologien, Geschichtsschreibung und religiös geprägten Moralvorstellungen.
Durch ihre multimediale Arbeitsweise gestaltet die Künstlerin die Räume des Kunsthauses neu - geprägt von Gegensätzen wie Leere und Fülle, Stimmen und Stille sowie Objekten, Erzählungen, Klängen und Bildern zeichnet sie Erfahrungen des Schwarzseins in Europa durch den weißen Blick nach und untersucht diese. Darüber hinaus entwickelt sie Praktiken der reparativen Ahn*innenarbeit, um die Existenz von Asue* und den anderen Mädchen zu würdigen, ohne sie zu bloßen Forschungsobjekten zu machen. Belinda Kazeem-Kamińskis künstlerische Praxis speist sich aus dem Denken Schwarzer feministischer Denker*innen und Künstler*innen und setzt sich auf vielfältige Weise um. Durch eine Vielzahl visueller Sprachen - von Video und Fotografie bis Performance und Text - schichtet und verwebt sie vielstimmige Erzählungen der afrikanischen Diaspora. Im Fokus ihrer Melange aus Dokumentation und Fiktion steht die Präsenz Schwarzer Menschen, die in der Geschichtsschreibung, in der physischen Landschaft und im öffentlichen Raum Europas oft unbemerkt geblieben sind.
Aerolectics ist das zweite Ausstellungsprojekt des dreijährigen Programms The Invention of Europe: a tricontinental narrative (2024-2027), kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi, und reflektiert über die monolithische Idee von Europa und ihre narrative Konstruktion.
Anlässlich der Ausstellungseröffnung präsentiert Kunst Meran zwei Veranstaltungen, die sich inhaltlich mit dem Kulturprojekt The Invention of Europe auseinandersetzen:
Am Sonntag, den 16. März findet die Konferenz „Wiedergabe und Rückgabe. Über die Umverteilungsfunktion von musealen Institutionen“ statt, an dem internationale Gäste wie Lotte Arndt, Elvira Dyangani Ose, Raul Moarquech Ferrera-Balanquet, Hannes Obermair, Josien Pieterse und Justin Randolph Thompson teilnehmen, um das Thema Restitution zu diskutieren. Ausgehend von einem historischen Beispiel aus Südtirol – dem kostbaren äthiopischen Mantel aus der Kolonialzeit, den General Enea Navarini als „Kriegsbeute“ nach Meran brachte – beleuchtet die Konferenz die Voreingenommenheit musealer Erzählungen. Sie setzt sich für eine kulturelle Produktion ein, die interkulturelle Dynamik, Ausgleich und Wandel fördert und diesen Visionen sowohl diskursiv als auch materiell Ausdruck verleiht.
In Zusammenarbeit mit dem Festival Sonora, das seit 2017 mit einem alle musikalischen Genres umfassenden Programm einzigartige Hörerlebnisse schafft, veranstaltet Kunst Meran am Freitag, den 11. April 2025 einen besonderen Musik- und Performanceabend. Dieser bietet durch Live-Erlebnisse eine differenzierte Sicht auf dieselben Themen. Die Protagonisten sind neben Belinda Kazeem-Kamiński der Künstler Masimba Hwati, dessen Werk von Klang bis Skulptur, von Video bis Performance reicht, und die Musikerin Melika Ngombe Kolongo alias Nkisi, deren musikalisches Repertoire von afrikanischer Polyrhythmik, elektronischer Hardcore-Musik und den Soundtracks italienischer Horrorfilme der 70er Jahre beeinflusst ist.



