FROM & T(W)O
Alle Ausstellungen24.9 – 9.1.2011
Mit Werken von
Carla Cardinaletti, Silvia Levenson, Elisabeth Hölzl, Armin Linke, Hubert Kostner, Michael Sailstorfer, Max Rohr, Stephan Balkenhol
Kuratiert von
Valerio Dehò
kunst Meran - Plattform künstlerischer Wechselwirkungen
Bei der Ausstellung From & T(w)o geht es um den künstlerischen Dialog: Paare, jeweils ein einheimischer und ein ausländischer Künstler, erarbeiten gemeinsam ein orts-spezifisches Projekt für die Ausstellung in Meran. Kunst Meran wird zur Drehscheibe der Begegnung und Zusammenarbeit sowie zur Plattform der Präsentation.
From & T(w)o ist bereits die zweite Ausgabe. Das Ausstellungskonzept hat sich bereits 2007 bewährt und kann 2010 verfeinert und an die neue Situation angepasst werden. Es ist keine Gruppenausstellung, sondern mehr: Es ist ein gemeinsames Projekt - Meinungen und Gedanken werden ausgetauscht, die Künstler interagieren, führen Telefongespräche und kommunizieren über Monate per Email.
Es gilt sich intensiv mit der eigenen und mit der fremden Arbeit auseinander zu setzen, dabei werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Schnittstellen deutlich. Bei diesem Projekt, wo das „Miteinander“ und nicht das „Nebeneinander“ überwiegt, gehören das gegenseitige Zusammenspiel sowie künstlerische Wechselwirkungen dazu. Die beteiligten Künstler schöpfen aus der konkreten Zusammenarbeit, präsentieren sich in einem neuen Umfeld und können so Verbindungen aufbauen. Zum einen also führt die Begegnung der Künstler und ihrer Ausdrucksformen zu interessanten und einzigartigen Projekten, zum anderen wird lokalen Künstlern Gelegenheit geboten, eine Brücke nach außen zu schlagen.
Das Projekt „Document/monument“ von Elisabeth Hölzl (Meran) und Armin Linke (Mailand) greift einen von Jacques le Goff verfassten Beitrag in der Enzyklopädie Einaudi auf und setzt sich mit der Bedeutung historischer Denkmäler auseinander, die Symbole für vergangene Ereignisse sind und immer bedeutungsleerer werden.
Monumente werden geschaffen um vergangene Kriegseroberungen und Siege zu preisen und erinnern an die damit verbundene Rhetorik. Diese Architektur ist ortsbildprägend, eine Erscheinung zwischen Kunst und Baurest, nahe einem metaphysischen Mysterium. Hölzl nimmt als Ausgangspunkt für ihre Arbeiten die Provinz Bozen und die Ästhetik des faschistischen Regimes, Linke beschäftigt sich mit den erhaltenen Denkmälern der nun aufgelösten DDR.
Was bedeutet diese Architektur heute, was bedeutet sie für Menschen, die keinen direkten Bezug zu den früheren Geschehnissen haben? Mit Gewissheit sind diese Monumente Dokumente geworden - Zeugnisse geschichtlicher Ereignisse.
Hubert Kostner (Kastelruth) und Michael Sailstorfer (Berlin) haben die physische Dimension des Klanges bearbeitet. Das Werk „Hausglocke“ von Kostner erinnert an die Hausglocken, die einst in Südtirol verwendet wurden. Der Ablauf aller Tage, Werktage sowie Feiertagen, wurde vom Glockenläuten beeinflusst. Ihre Verwendung war die einer Kirchturmglocke ähnlich; sie diente zur Kommunikation, zum Verbreiten von guten und schlechten Neuigkeiten. Hausglocken waren ein Verbindungselement zwischen Menschen und Familien. Beim Besuch der Ausstellung kann das Publikum Kostners Hausglocke läuten, die hohe Halle des Hauses wird zu einem Kirchturm.
Sailstorfers Klanginstallation „Research Reactor“ 2008-2010 besteht aus einem 1m großen Zylinder aus Zement, Mikrofonen und Lautsprechern, dabei hört man die Stimmen vorheriger Besucher und aufgezeichneter Geräusche. Es entsteht eine temporäre Verschiebung der Aufnahmen und Wiedergaben, eine Verbindung zwischen Menschen und Raum.
Ausgangspunkt der Arbeit von Carla Cardinaletti (Bozen) ist ein Auszug aus einem Text der amerikanischen Schriftstellerin Susan Jeffers, die über das Gefühl der Angst schreibt: „Feel the fear and do it anyway“* („Spür die Angst und mach es trotzdem“). Es ist eine Anregung, Angst anders zu bewerten und nicht als negativ zu empfinden. Nur wenn dieses Grundgefühl angenommen und nicht unterdrückt wird, kann man darauf reagieren. Der englische Satz wird in einem kobaltblauen, leuchtenden, kursiven Neonschriftzug widergegeben. Die Künstlerin hat die Farbe Blau bewusst ausgesucht, es ist die Farbe die die Menschen dem Gefühl Angst zuordnen.
Ihre Partnerin Silvia Levenson (Buenos Aires und Lesa) arbeitet mit Themen die auf das psychologische Gleichgewicht der Menschen und die Fragilität ihrer Beziehungen hinweisen. Die Installation „Lezione di volo“ (Flugstunde) erforscht, welch widerstreitende Gefühle aus der Spannung zwischen Sehnsucht und Angst erwachsen: auf der einen Seite der Wunsch zu fliegen und auf der ideellen Suche nach einer inneren Freiheit ins Leere zu springen, auf der anderen die Angst, die uns lähmt. Die anderen Arbeiten wie „E‘ volata via“ („Sie ist weggeflogen“), eine Schaukel mit in der Nähe stehenden Kinderschuhen aus Glas, und „La giusta altezza“ („Die richtige Höhe“), bringen immer den Moment in Erinnerung, an dem "Fliegen" eine nicht nur körperliche, sondern auch psychologische Dimension hat
Stephan Balkenhol (Karlsruhe und Lothringen) ist einer der bekanntesten deutschen zeitgenössischen Bildhauer. Die Arbeiten des Künstlers sind figurativ und er arbeitet häufig mit Holz, ein Material dessen Bearbeitungsgeschwindigkeit sich gut an Balkenhols künstlerischen Arbeitsprozess anpasst. Die grundlegenden Fragen des Mensch-Seins, Tiere, fremde Wesen denen oft menschliche Attribute zugeteilt werden und die Architektur stehen im Mittelpunkt der Arbeiten von Balkenhol. Es sind tief, in innerer Reflektion, versunkene Figuren. Diese Ausdrucksstärke wirkt spannend auf den Betrachter.
Max Rohrs (Bozen) Malerei ist wie Balkenhols Bildhauerei figurativ, eine klassische Darstellungsweise behandelt zeitgenössische Themen. Seine Bilder beherbergen keine aktiven Szenen, es sind Reflektionen in der Gegenwart, welche die Vergangenheit aufgreifen. Die Figuren sind nachdenklich und in sich gekehrt, die Mehrfachperspektiven und die verschiedenen Fluchtpunkte öffnen mehrere Blickwinkel und die Verwendung von Symbolen gehört zu Rohrs Ausdrucksweise. Südtirol, die Landschaft Südtirols und seine Kindheit kommen immer wieder in seinen Arbeiten vor. Max Rohr und Stephan Balkenhol sind sich erstmals im Rahmen von From & T(w)o begegnet. Bei kunst Meran wird Malerei und Bildhauerei aufeinandertreffen und in Beziehung gesetzt, dabei entsteht eine spannende Interaktion und Kommunikation zwischen ihren Arbeiten.
From & To hat immer auch eine musikalische Komponente, dieses Jahr hat Valerio Dehó Marcello Fera eingeladen. Fera hat gemeinsam mit dem Streicherensemble Conductus und dem weltberühmten korsischen Vokalensemble A Filetta das Konzert ARCHINCANTO vorbereitet. Dieses Gemeinschaftswerk wird beim Konzert am 29. Oktober im Stadttheater in Meran vorgestellt. Darin verbinden sich Feras Kompositionskunst mit dem Repertoire des korsischen Männerchors, die Streichmusik von Conductus mit den wunderbaren Stimmen der traditionellen Polyphonie Korsikas - zweifellos eine beispielhafte Zusammenarbeit und ein kultureller Erfahrungsaustausch im ursprünglichen Geist von From & To.
Eineinhalb Jahre haben sich die Künstler mit diesem Projekt beschäftigt. Kunst Meran freut sich, diese besondere Ausstellung bis Jänner 2011 zu zeigen. Die Teilnahme bedeutender Künstler und die Qualität ihrer Werke lässt Meran einmal mehr am zeitgenössischen internationalen Kunstgeschehen teilhaben.
Ivo Corrá hat die Zusammenarbeit der Künstler fotografisch dokumentiert. Der Katalog zum Projekt wird am Konzertabend, dem 29. Oktober um 20.00 Uhr im Stadttheater Meran vorgestellt.
* Feel The Fear And Do It Anyway® is a registered trademark of Susan Jeffers Ph.D., used by permission
TeilnehmerInnen 2010:
Carla Cardinaletti - Silvia Levenson,
Elisabeth Hölzl - Armin Linke,
Hubert Kostner - Michael Sailstorfer,
Max Rohr - Stephan Balkenhol;
Musikprojekt Marcello Fera
